Stammapostel Wilhelm Leber im Interview (Foto: UF, 2006)

»Ich rate zur Besonnenheit – unser Maßstab ist unser Herr Jesus Christus!«

Stammapostel Wilhelm Leber im Interview (Foto: UF, 2006)

Zürich. Am 12. Juli kam es in Düsseldorf zu einem Gespräch zwischen Stammapostel Wilhelm Leber, internationaler Leiter der Neuapostolischen Kirche, Bezirksapostel Armin Brinkmann aus Nordrhein-Westfalen sowie einigen Zeitzeugen der Vereinigung Apostolischer Gemeinden (VAG). Gegenstand des Gesprächs war in erster Linie der Informationsabend der Neuapostolischen Kirche vom 4. Dezember 2007, in dem eine vorläufige Bewertung der Zeit zwischen 1938-1955 stattgefunden hatte. Mittlerweile hat die VAG eine umfangreiche Stellungnahme dazu im Internet veröffentlicht.

Zum Düsseldorfer Treffen stellte Peter Johanning, Kirchensprecher der Neuapostolischen Kirche International, einige Fragen an Stammapostel Wilhelm Leber:

Stammapostel Wilhelm Leber, Sie und Bezirksapostel Armin Brinkmann trafen sich am 12. Juli in Düsseldorf mit Vertretern der Apostolischen Gemeinschaft. Wie kam es zu dieser Begegnung?

Stammapostel Leber: Bezirksapostel Brinkmann und ich waren schon einmal mit Werner Kuhlen, dem Sohn des früheren Bezirksapostels Peter Kuhlen, zusammen. Damals hielten wir fest, dass ein weiteres Treffen mit so genannten Zeitzeugen Sinn machte, also mit Männern, die die Zeit der Abspaltung persönlich und möglichst „hautnah“ erlebt hatten. Ich hielt das für einen guten Gedanken, denn wir suchen ja immer noch nach Erklärungen und halten den bisherigen Stand unserer Geschichtsaufarbeitung nicht für endgültig.

Wie bewerten Sie das Gespräch und wie war Ihr Eindruck von den dort anwesenden Zeitzeugen?

Stammapostel Leber: Es war ein gutes, informatives Gespräch. Ich war von den Zeitzeugen wirklich angetan, sie waren sehr angenehme Gesprächspartner, wirkten gut informiert und argumentierten sachlich.

Nun wurden im Internet von Zeitzeugen der VAG eigene Geschichtsdarstellungen veröffentlicht, wobei die Neuapostolische Kirche nicht gerade sanft behandelt wird. Wie erklären Sie sich das?

Stammapostel Leber: In der Tat ist die Veröffentlichung zuweilen scharf im Ton. Nachdem ich einige Zeitzeugen persönlich kennen gelernt habe, kann ich das aber besser verstehen und einordnen. Die Abspaltung von der Neuapostolischen Kirche war für diese Männer ein ganz markantes Geschehen, das tief eingegriffen hat in ihr Leben und mit weit reichenden Veränderungen verbunden war. Die Erinnerung daran setzt, wie ich erkennen kann, heute noch viele Emotionen frei. Man muss die Diktion auch zu einem gewissen Grad unter diesem Blickwinkel sehen.

In dieser Darstellung von Zeitzeugen der VAG werden auch Aussagen aufgelistet, die seinerzeit in den Publikationen der Neuapostolischen Kirche zur „Botschaft“ von Stammapostel Bischoff und zur Bedeutung seines Amtsauftrages gemacht wurden. Können Sie dazu eine erste Stellungnahme abgeben?

Stammapostel Leber: Ich gestehe ohne Umschweife ein, dass viele dieser Aussagen nach heutiger Erkenntnis nicht haltbar sind. Ich kann an dieser Stelle natürlich keine ausführliche Bewertung vornehmen, das würde den Rahmen dieses Interviews sprengen. Es ist aber nicht zu leugnen, dass es Übertreibungen und Überhöhungen gab, die ich als Stammapostel heute nur bedauern kann.

Natürlich darf man auch nicht übersehen, dass die kirchliche Ausdrucksweise in jener Zeit eine andere war. Wenn man den Stammapostel damals als „Elieser unserer Zeit“, als „Gideon“ oder „Noah“ bezeichnete, dann klingt das in unseren Ohren eher seltsam und verdächtig. Damals hat man sich nichts dabei gedacht. Ich habe solche Bezeichnungen als Kind selbst noch im Gottesdienst gehört.

Mit dieser Feststellung will ich aber mein obiges Eingeständnis nicht relativieren.

Wie geht es nun weiter? Können wir nicht einfach die Vergangenheit begraben, uns entschuldigen und auf die VAG zugehen? Warum tun wir uns damit so schwer?

Stammapostel Leber: Ich denke, so einfach geht das nicht. Wir haben Jahrzehnte der Abgrenzung zur VAG hinter uns. Es ist unrealistisch anzunehmen, das alles könnte von einem Augenblick auf den anderen aufgehoben werden. Es hat Verletzungen auf beiden Seiten gegeben, es muss zunächst einmal Vertrauen – auch auf der Ebene der Kirchenleitung – aufgebaut werden. Auf lokaler Ebene gibt es bereits zahlreiche gute Kontakte, wofür ich dankbar bin.

Wir werden demnächst veröffentlichen, was das Gespräch mit den Zeitzeugen der VAG ergeben hat. Dabei werden den Aussagen unserer Geschichtsdarstellung vom 4. Dezember 2007 die Ansichten der Zeitzeugen der VAG gegenübergestellt werden. Damit werden unsere Aussagen relativiert.

Dies ist, wie ich meine, ein wichtiger Schritt, um die Ernsthaftigkeit unserer Bemühungen um eine wahrhaftige Geschichtsaufarbeitung zu dokumentieren. Ich lade erneut die VAG ein, mit uns in Gespräche einzutreten, um zu einer wirklichen nachhaltigen Versöhnung zu kommen.

Was raten Sie unseren Amtsträgern und Glaubensgeschwistern, die im Internet Veröffentlichungen oder Kommentare zur Geschichte der NAK lesen und diese nicht einordnen können?

Stammapostel Leber: Ich rate ganz einfach zur Besonnenheit. Maßstab für uns alle ist unser Herr Jesus Christus. So wie er seinerzeit souverän umging mit allen Meinungsäußerungen in seinem Umfeld, so sollten auch wir uns verhalten und von aufgeregten und überzogenen Reaktionen absehen.

Danke für das Gespräch.

 

2 September 2008