Zum Jahr der Bibel 2003: Was sind Psalmen?

Zürich. Die Geschichte der Bibel ist äußerst interessant. In mehreren Artikeln wollen wir im Bibeljahr 2003 Geschichten zur Geschichte veröffentlichen. Heute setzen wir die Reihe mit einem Artikel über die Psalmen fort.

Was sind Psalmen?
<R.K./L.S.> Der Psalter ist das Buch des Alten Testaments, das in der Christenheit am intensivsten gelesen, benutzt und ausgelegt wurde. Er ist das Gesangbuch Israels. Psalmen sind Lieder und Gebete in dichterischer Form und in einer gebundenen Sprache. Sie werden sowohl von Einzelnen als auch von der Gemeinde vorgetragen. Außer den 150 Psalmen des Psalters gibt es noch weitere im Alten Testament, so zum Beispiel die Lieder Moses, Mirjams oder Deboras. Auch außerhalb des Alten Testaments, in den so genannten Pseudepigraphen (Psalmen Salomos), in Qumran und sogar im Neuen Testament (der Lobgesang Marias) gibt es Psalmen. Die weitaus meisten Psalmen werden auf die Königszeit zurückgeführt. Als berühmter Psalmsänger gilt der König David.

 

Zur Entstehung der Psalmen
Die Psalmen sind eigentlich Lieder, wie wir sie etwa in unserem Gesangbuch oder anderen Liederbüchern finden. Sie sind auch nicht zuerst geschrieben, sondern zuerst im Gottesdienst gesungen worden. Hier gleichen sie in vielem unseren Volksliedern, die auch nicht einen bestimmten Verfasser, sondern das ganze Volk zum Ursprung haben. Die meisten Psalmen sind sehr lange gesungen und gebetet worden, bevor man sie aufschrieb. In ihnen spiegeln sich die Geschichte und die Erfahrungen Israels mit Gott wider. Sie entstanden in einem Zeitraum vom Auszug der Israeliten aus Ägypten bis nach dem Babylonischen Exil.

Die Sprache der Psalmen
Die dichterische Sprache der Psalmen hat bestimmte Merkmale, die außerhalb der hebräischen Literatur nicht in diesem Maße vorkommen. Das auffälligste Stilmerkmal ist der Parallelismus: Eine Aussage wird durch Wiederholung in anderen Worten ausgedrückt, um ihre Wichtigkeit hervorzuheben.

"Die Heiligen haben abgenommen, und gläubig sind wenige unter den Menschenkindern." (Psalm 12,2). Oder: "Entrüste dich nicht über die Bösen, sei nicht neidisch auf die Übeltäter." (Psalm 37,1).

Eine andere Möglichkeit des Parallelismus ist die, dass man zwei gegensätzlichen Aussagen zusammenstellt: "Der Gottlose muss borgen und bezahlt nicht, aber der Gerechte ist barmherzig und kann geben." (Psalm 37,21). Oder: "Der Herr kennt den Weg der Gerechten, aber der Gottlosen Weg vergeht." (Psalm 1,6).

Bei einer anderen Form der Parallele setzt der zweite Versteil den ersten fort: "Der Herr ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten?" (Psalm 27,1). Oder im selben Vers: "Der Herr ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen?".

Sonderfälle sind Parallelismen, die einen Bildvers und einen Sachvers hintereinander schalten: (Bildhälfte:) "So hoch der Himmel über der Erde ist, (Sachhälfte:) lässt er seine Gnade walten über denen, die ihn fürchten" (Psalm 103,11).

Und solche, die eine dreifache Steigerung haben: "Herr, die Wasserströme erheben sich, die Wasserströme erheben ihr Brausen, die Wasserströme heben empor die Wellen." (Psalm 93,3.4).

Die Psalmengattungen
Die Psalmen sind nicht nur inhaltlich unterschiedlich, sondern auch in ihrem formalen Aufbau und ihrem Charakter. Eine Gruppe von Psalmen hat die Form einer Hymne, eines verherrlichenden Liedes oder Lobpreises ( vgl. Psalm 33; 65; 100; 103; 117; 134; 135; 145; 149).

Beim Hymnus, dem Lobgesang, können drei Teile unterschieden werden: Die Einleitung, der Hauptteil und der Abgesang oder Schlussteil. In der Einleitung wird die Gemeinde aufgefordert, gemeinsam Gott zu loben. So heißt es einleitend beispielsweise in Psalm 135,1.2: "Halleluja! Lobet den Namen des Herrn, lobet, ihr Knechte des Herrn, die ihr steht im Hause des Herrn, in den Vorhöfen am Hause unseres Gottes!" Auf die Einleitung, mit ihrem Ruf, sich dem Lobe Gottes anzuschließen, folgt der Hauptteil, in dem die Taten Gottes verherrlicht werden. Die Rühmung gilt dem Gegenwärtigen, seiner Majestät und seinen großartigen Werken in der Schöpfung und in der Geschichte - hier zum Beispiel der Errettung Israels aus Ägypten (Vers 5-9): "Ja, ich weiß, dass der Herr groß ist und unser Herr über allen Göttern. Alles, was er will, das tut er im Himmel und auf Erden, im Meer und in allen Tiefen; der die Wolken lässt aufsteigen vom Ende der Erde, der die Blitze samt dem Regen macht; der den Wind herausführt aus seinen Kammern; der die Erstgeburt schlug in Ägypten bei den Menschen und beim Vieh und ließ Zeichen und Wunder kommen über dich, Ägyptenland, über den Pharao und alle seine Knechte."

Im Abgesang wird häufig das Thema der Einleitung wieder aufgenommen. Auch hierfür liefert der 135. Psalm ein Beispiel (Vers 19-21): "Das Haus Israel lobe den Herrn! Lobet den Herrn, ihr vom Hause Aaron! Ihr vom Hause Levi, lobet den Herrn! Die ihr den Herrn fürchtet, lobet den Herrn! Gelobt sei der Herr aus Zion, der zu Jerusalem wohnt! Halleluja!"

Neben den Hymnen, den Lobliedern, gibt es auch Klagelieder des Volkes. Sie wurden in Notzeiten, bei Naturkatastrophen oder bei Bedrängnis durch Feinde, am Heiligtum angestimmt. Beispiele für Klagelieder sind die Psalmen 44, 60, 74, 80, 83, 85. In Psalm 60,3 ruft das Volk aus: "Gott, der du uns verstoßen und zerstreut hast und zornig warst, tröste uns wieder."

Die Klagelieder des Volkes haben folgenden Aufbau: Anrufung Gottes, Klage, Bitte und Gelübde. Doch gibt es nicht nur Klagelieder, in denen Angst und Bedrängnis des ganzes Volkes zum Ausdruck kommt, sondern aus solche, in denen der Einzelne sein Leid klagt. Diese individuellen Klagelieder - es handelt sich bei ihnen eigentlich um Bittgebete - bilden die umfassendste Gattung des Psalters, ihr formaler Aufbau gleicht denen der Klagelieder des Volkes. Oft schließt nach dem Gelübde noch der Dank für die Errettung aus der Not an. Ein treffendes Beispiel hierfür ist der 102. Psalm, der so genannte 5. Bußpsalm, dessen Überschrift ("Ein Gebet für den Elenden, wenn er verzagt ist und seine Klage von dem Herrn ausschüttet") schon auf seine Funktion hinweist. Der Psalm liefert gleichsam die Worte für ein Gebet, mit dem ein von Not bedrängter Mensch, seine Klage vor Gott Ausdruck verleihen kann. "Herr, erhöre mein Gebet und lass mein Schreien zu dir kommen! Verbirg dein Antlitz nicht vor mir in der Not, neige deine Ohren zu mir; wenn ich dich anrufe, so erhöre mich bald!" (Vers 2.3).

Nicht nur Klage äußert der Einzelne, sondern auch Dank; und so gibt es Vielzahl von Dankpsalmen. Der sicherlich berühmteste ist der 23. Psalm: "Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln." (Vers 1).

Als weitere Gattungen sollen wenigstens noch die Zionslieder (vgl. Psalm 46, 48), die die Herrlichkeit der Gottesstadt preisen, und die Königspsalmen (vgl. Psalm 2, 20, 21, 45), in denen der Königs als Gottes Erwählter und Gesalbter verherrlicht wird, erwähnt werden.

Musikalische Anweisungen
In der Regel wurden die Psalmen gesungen, deshalb finden sich häufig in den Überschriften zu den Psalmen Vortragsanweisungen wie "vorzusingen" oder "auf dem Seitenspiel". Diese Anweisungen galten vermutlich einem Vorsänger oder "Musikmeister", der im Tempel tätig war und bei den Gottesdiensten Aufgaben zu erfüllen hatte. Was jedoch diese Anweisungen im Einzelnen bedeuten, das weiß man heute nicht mehr. Ebenso ist auch unbekannt, was das Wort "Sela", das in den Psalmen erscheint, bedeutet.

Die Psalmen erfreuen sich nicht nur in der allgemeinen Christenheit, sondern auch in unserer Kirche besonderer Beliebtheit. Wie oft kommt es vor, dass unser Stammapostel einen Psalmvers als Textwort wählt. Das macht deutlich, dass gerade mit Hilfe der Psalmen das Evangelium Jesu Christi immer wieder zur Sprache gebracht werden kann.

Luther nennt den Psalter "eine kurze Bibel (...), auf dass, wer die ganze Bibel nicht lesen könnte, hätte hierin doch fast die ganze Summa (Zusammenfassung), verfasst in ein kleines Büchlein"; für Luther ist der Psalter gleichsam Evangelium, weil er "so deutlich Christi Sterben und Auferstehen verheißet" (Vorrede auf den Psalter, 1528).

2 September 2003