Projekt "Neues Gesangbuch": Liedtypen und ihre Gewichtung im "alten" und "neuen" Gesangbuch

Zürich. Seit über tausend Jahren entsteht christliches Liedgut. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass jedes Gesangbuch nur eine Auswahl aus der Fülle überlieferter Lieder und Gesänge sein kann. So auch unser Gemeindegesangbuch aus dem Jahr 1925 mit seinen 652 Liedern. Für ein Gesangbuch ungewöhnlich ist in unserem der vierstimmige Satz zu jedem Lied. Zum einen entsprang dieses wohl dem Bedürfnis, den vierstimmigen Gemeindegesang nach schweizerischem Vorbild zu beleben. Zum anderen bot eine solche Konzeption den damals entstehenden Chören ein erstes, nach Rubriken geordnetes Repertoire.

Erwähnenswert auch, dass die Sammlung unseres Gesangbuches kaum "eigenes" Liedgut enthält. Sie schöpft fast ausschließlich aus dem Fundus anderer christlicher Kirchen beziehungsweise Gemeinschaften. Dabei ist das Gesangbuch - wie jede Liedsammlung - ein Spiegelbild seiner Entstehungszeit. Neben Glaubenshaltung und Glaubensüberzeugung sind es der vorherrschende Zeitgeschmack und die dem geistlichen Singen in der Kirche zugemessene Bedeutung, die über die Liedauswahl und die musikalisch-stilistischen Schwerpunkte eines Gesangbuchs entscheiden.

Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass im Gesangbuch von 1925 das missionarisch-kämpferische Glaubens- und Erweckungslied überwiegt (vor allem im 19. und am Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden), oft in einer belehrenden Sprache (vgl. GB 149: "O komm doch zu Jesus"). Auffallend stark vertreten ist der angelsächsische Raum, der mit seinen Liedern das Evangelium weltweit zu verbreiten suchte (vgl. GB 317: "Welch' ein Freund ist unser Jesus").

Erweckungslieder sind meist spontane Schöpfungen, Botschaften, die die persönliche Christuserfahrung mit einem ausgeprägten Sendungsbewusstsein verknüpfen. Musikalisch übernehmen sie nicht selten die Stilmittel der Popularmusik: Appellierender, oft auch aufrüttelnder Refrain, schwingend-ausholende Melodik, punktierte, häufig auch triolisch geprägte Rhythmen, Bevorzugung des 4/4-Taktes mit deutlicher Marschtendenz u.a. Etwa 45% unserer Gesangbuchlieder sind diesem Liedtyp zuzuordnen.

Eine vor ca. 15 Jahren in Auftrag gegebene Erhebung über die Singhäufigkeit aller Gesangbuchlieder im Gottesdienst zeigte jedoch, dass mehr als 30%, d.h. 150 dieser Lieder, praktisch nicht gesungen werden oder nahezu unbekannt sind (Beispiel: GB 112 "Viktoria, Viktoria"). Diese sind deshalb im neuen Gesangbuch nicht mehr enthalten.

Dass darüber hinaus Lieder aus dieser Kategorie abgelehnt werden mussten, lag meist an theologisch heute nicht mehr haltbaren Textaussagen.

Die Lieder dieser Kategorie, die erhalten werden konnten, werden ca. 18% des neuen Gesangbuchs ausmachen. Allerdings war es unumgänglich, die Mehrzahl dieser Lieder textlich - teilweise auch musikalisch - behutsam zu überarbeiten.

Daneben nimmt im Gesangbuch von 1925 das geistliche Volkslied des 19. Jahrhunderts einen breiten Raum ein: Eine stark verinnerlichte Sprache schildert Seelenregungen und persönliche Empfindungen, getragen von einer oft schlichten, gefühlvollen Melodie (vgl. GB 572: "So nimm denn meine Hände" oder GB 301: "Harre meine Seele") Diese Lieder werden im neuen Gesangbuch mit einem Anteil von über 20% die größte Gruppe ausmachen.

Die Lieder früherer Jahrhunderte spielten bisher in unserem Gesangbuch und in der Singpraxis der Gemeinden eine eher untergeordnete Rolle. Gewiss kann die Vergegenwärtigung der Reformation im Lied nicht Schwerpunkt eines neuapostolischen Gesangbuchs sein. Geht man jedoch davon aus, dass gerade das 16., 17. und die Anfänge des 18. Jahrhunderts zu den fruchtbarsten Epochen des Kirchenliedes zählen, dann ist in unserem Gesangbuch der Anteil der in dieser Zeit entstandenen Lieder gering. Erstaunlicherweise hatte das neuapostolische Gesangbuch aus dem Jahr 1908 hier einen bemerkenswert anderen Akzent gesetzt: In ihm waren eine Vielzahl an Chorälen enthalten.

Besonders im Lied der Barockzeit wird die Hinwendung zur persönlichen Lebens- und Gotteserfahrung zum wichtigsten Wesenszug. Neben einem engen Wort-Ton-Verhältnis und einer oft schwungvollen Rhythmik sind es die Sprachgewalt und Ausdruckskraft, die den geistlichen Liedern jener Zeit zu einer bis heute überragenden Bedeutung verhalfen (vgl. GB 319: "Wer nur den lieben Gott lässt walten"). Das neue Gesangbuch schließt in dieser Hinsicht behutsam die eine oder andere Lücke (s.o. Paul Gerhardt: "Ich singe dir mit Herz und Mund").

Zusammenfassend ist festzustellen, dass das neue Gesangbuch mit seinen ca. 450 Liedern theologisch, musikalisch und sprachlich nach wie vor das Vertraute und Bewährte betont. Die etwa 90 neu aufgenommenen Lieder entstammen verschiedenen Epochen des geistlichen Liedschaffens. Diese "neuen" Lieder wollen mehr sein als bloße Ergänzung: Mit ihnen kann unser geistliches Singen, aber auch unser Glaube an Weite und Tiefe gewinnen.

18 July 2003