Zum Jahr der Bibel 2003: Die Briefe des Neuen Testaments

Zürich. Die Geschichte der Bibel ist äußerst interessant. In mehreren Artikeln wollen wir im Bibeljahr 2003 Geschichten zur Geschichte veröffentlichen. Heute setzen wir die Reihe mit einem Artikel über die Briefe im Neuen Testament fort.

<L.S.> In der Antike lassen sich drei Arten von Briefen unterscheiden: zum einen gibt es die Privatbriefe, zu denen auch Geschäftsbriefe zählen, zum anderen amtliche Briefe, also Schriftverkehr der Behörden und der Herrschenden, und drittens literarische Briefe, die philosophischen Inhalt haben (die Briefe Ciceros oder Senecas) oder in Geschichtswerken überliefert sind. Aus der griechisch-römischen Überlieferung ist eine Vielzahl von Briefen erhalten; jüdische Briefe, seien sie auf Aramäisch oder Griechisch verfasst, gibt es weitaus weniger. Die Briefe des Neuen Testaments gehören in diese antike Briefliteratur hinein, haben manches damit gemeinsam, unterscheiden sich aber auch in wichtigen Punkten - wie wir noch sehen werden.


Briefformular

So, wie man heute einen festgelegten Briefaufbau benutzt, gab es schon in der Zeit der ersten Christen festgefügte Briefformen: Ein Brief bestand aus dem Briefeingang, dem Briefkorpus (also dem Hauptteil) und dem Briefschluss; der Briefeingang gliedert sich des weiteren in Absender, Adressat und Gruß. Am Schluss eines Briefes stehen weitere Grüße und, seit der Zeit des Augustus immer beliebter, Grußaufträge, wie wir sie beispielsweise aus dem Schluss des Römerbriefes kennen (vgl. Römer 16). Darüber hinaus gibt es ein jüdisches, orientalisches Briefformular, das von dem oben genannten griechisch-römischen abweicht.

Überhaupt ist die Mehrzahl der neutestamentlichen Briefe nach diesem Briefschema aufgebaut: Im 1. Thessalonicherbrief sind die Absender genannt ("Paulus und Silvanus und Timotheus"), Adressat ("an die Gemeinde in Thessalonich") und Gruß, der eine orientalische Grußformel enthält ("Gnade sei mit euch und Friede!"). Dann folgt der Briefkorpus, also der Inhalt des Schreibens, am Schluss ein Gruß ("Grüßt alle Brüder" 5,26) und als Ergänzung der Wunsch: "Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch!" (5,28). Der 1. Thessalonicher ist der älteste Brief des Apostels Paulus, etwa um das Jahr 50 geschrieben.


Briefe in der Bibel

Im Neuen Testament sind von den 27 Schriften 21 Briefe, hinzu kommen Briefe, die Lukas in der Apostelgeschichte überliefert (15,23-29; 23,26-39) und die Sieben Sendschreiben der Offenbarung (Offenbarung 2 + 3), die Briefform haben (Offenbarung 1,4: "Johannes an die sieben Gemeinden in der Provinz Asien: Gnade sei mit euch und Friede"). Der Philemonbrief, der 2. und der 3. Johannesbrief sind sehr privat gehalten, während der Römerbrief und der Hebräerbrief ausgesprochen lehrhaften Charakter haben. Es gibt Briefe, die an Gemeinden gerichtet sind (Römerbrief, Philipperbrief etc.), an Einzelpersonen (Philemon, Timotheusbriefe etc.) oder an alle Christen (Petrusbriefe, Jakobus etc.), der Hebräerbrief hat keinen Adressaten.

Üblicherweise eröffnen die paulinischen Briefe den Reigen der neutestamentlichen Briefliteratur. Die großen Briefe des Apostels zuerst: Römerbrief, die beiden Korintherbriefe, nun folgen die kleineren Briefe Galater, Epheser, Philipper, Kolosser; jetzt ein Briefpaar, 1. und 2. Thessalonicher. Ein weiteres Briefpaar, 1. und 2. Timotheus, ergänzt durch den Titusbrief (die von Gelehrten so genannten "Pastoralbriefe", also Hirtenbriefe), die alle drei an Mitarbeiter des Apostels gerichtet sind; zum Schluss der privat gehaltene Philemonbrief, der ebenfalls an einen Freund des Paulus geschrieben ist. Alle diese Briefe sind nach ihren Empfängern benannt, seien es Gemeinden, seien es Einzelpersonen.

Die drei Johannesbriefe, die beiden Petrusbriefe, Judas und Jakobus bilden den Abschluss des Briefteiles des Neuen Testaments. Man nennt sie seit dem Kirchenhistoriker Eusebius († um 340) "die 7 katholischen Briefe", nicht im Sinne der gleichnamigen Kirche, sondern im Sinne von "katholisch = für die Allgemeinheit (bestimmt)", da sie nicht an eine bestimmte Gemeinde oder Person gerichtet sind, sondern an die gesamte Christenheit. Sie werden nach den in ihnen genannten Schreibern bezeichnet. In der Lutherbibel unterbricht der Hebräerbrief die Reihenfolge der katholischen Briefe, nach den Johannesbriefen und vor dem Jakobusbrief, der bei Martin Luther kein hohes Ansehen hatte. Andere Bibelausgaben lassen die katholischen Briefe zusammen und stellen den Hebräerbrief an deren Ende oder an das Ende der paulinischen Briefe, also nach Philemon (so die Züricher Bibel).


Anlass der Briefe

Warum schreiben die Apostel damals Briefe? Welche Anlässe gibt es, um den Gemeinden Briefe zu schreiben? In ihrer Abwesenheit können die Schreiber durch Briefe Einfluss nehmen auf die Gemeinden oder auf die ersten Christen als Gemeinschaft, sie trösten, stärken, Fragen beantworten, Lehrirrtümer bereinigen; mit zwei Worten ausgedrückt: Sie üben Seelsorge und Gemeindeleitung aus.

Die beiden Korintherbriefe antworten auf konkrete Anfragen aus den Gemeinden: In Korinth gibt es zum Beispiel vier verschiedene Gruppen von Christen, die eine beruft sich auf Paulus, die andere auf Kephas, wieder eine andere auf Apollos, die nächste auf Christus; wie sollen sich die Gemeindeglieder verhalten? Hier muss der Apostel Paulus klarstellen, dass er und die anderen Apostel lediglich Werkzeuge in der Hand Gottes sind und Christus nicht zerteilt ist (vgl. 1. Korinther 1,13).

Die berühmte Darstellung der Auferstehung der Toten in 1. Thessalonicher 4,13-18 geht offensichtlich ebenfalls auf eine Anfrage aus der Gemeinde zurück: Apostel Paulus will die Thessalonicher nicht im Ungewissen lassen, weil sie sich fragen, was mit denen am Tag des Herrn sein wird, die schon entschlafen sind (1. Thessalonicher 4,14).


Der Römerbrief als wichtigstes Dokument der Theologie des Apostels Paulus

Der Römerbrief ist unbestritten der wichtigste Brief des Neuen Testaments und ein Schreiben von hohem theologischem Rang. Apostel Paulus schreibt an die Gemeinde in Rom, die er nicht selbst gegründet hat und die er auch nicht genauer kennt, denn er ist bisher daran gehindert, nach Rom zu kommen (vgl. Römer 1,13 und 15,22). Deshalb will er dieser Gemeinde genau erklären, was es mit dem Glauben an Christus auf sich hat. Kein Wunder, dass der Römerbrief außerordentlich klar aufgebaut ist und bis in Einzelheiten deutlich und sachkundig argumentiert. Paulus will offenbar, nachdem er im Osten des Römischen Reiches "keine Aufgabe mehr" sieht, Rom besuchen und dann nach Spanien weiterreisen (Römer 15,23. 24); ob ihm das geglückt ist, wird nicht berichtet, wahrscheinlich aber ist, dass Paulus, nachdem er nach Rom kommt (Apostelgeschichte 28,16), auch dort stirbt. Vermutlich ist der Römerbrief in Korinth gegen Ende der 50er Jahre des 1. Jahrhunderts geschrieben worden, da Paulus beabsichtigt, nach Jerusalem zu fahren, um eine Kollekte für die Gemeinde dort abzugeben (Römer 15,25; Apostelgeschichte 18,21; 19,21) - er ist somit der letzte Brief des Apostels.


Sammlung der Briefe

Wenn der 1. Thessalonicherbrief der erste und älteste Brief des Apostels Paulus und der Römerbrief der letzte ist, offenbar innerhalb eines Jahrzehnts geschrieben (50er Jahre), wie kommt es, dass der Römerbrief die Reihe der Briefe im Neuen Testament eröffnet? Die zeitliche Reihenfolge ist für die Sammlung der Briefe nicht von Bedeutung, eher spielen das theologische Gewicht sowie die thematische Zusammenstellung von Briefen zu Gruppen eine entscheidende Rolle. Die Briefe des Apostels Paulus werden in den Gemeinden vorgelesen (vgl. 1. Thessalonicher 5,27), auch werden Briefe in den Gemeinden ausgetauscht (vgl. Kolosser 4,16). Die Briefe treten gewissermaßen an die Stelle der Apostel während deren Abwesenheit. Nach dem Tode der Apostel werden die Briefe in verschiedenen Gemeinden gesammelt, um den Christen Orientierung zu bieten. Zuerst werden die Paulusbriefe zusammengestellt (etwa 80-90 n. Chr.), vermutlich in Griechenland oder Kleinasien (vielleicht in Ephesus, vielleicht in Korinth): Römerbrief, 1. und 2. Korintherbrief, die wohl schon sehr früh zusammengesehen werden, Galater- und Philipperbrief und der Philemonbrief. 1. und 2. Thessalonicherbrief bilden in sich eine kleine Sammlung, die beiden Briefe an Timotheus und der Titusbrief sind ebenfalls eine schon früh erkennbare Zusammenstellung, hinzu kommen noch der Epheser- und Kolosserbrief. Diese 13 Briefe sind um 200 n. Chr. als Sammlung bekannt.

Ein Einzelgänger ist der Hebräerbrief, der mehr ein Traktat in Briefform ist und durch seine Beschreibung des Opfers Christi eine starke theologische Wirkung hat.


Theologischer Ertrag

Hätten wir die neutestamentlichen Briefe nicht, so würden wir zwar das Leben und Wirken Jesu Christi kennen (Evangelien), über die Situation der ersten Gemeinden im Römischen Reich Bescheid wissen (Apostelgeschichte) und würden einen Ausblick in die Zukunft tun können (Offenbarung), aber das theologische und auch private Denken der Apostel wäre uns nur indirekt zugänglich. Denn in der Apostelgeschichte referiert Lukas wohl Gedankengänge der Apostel, doch haben wir mit den Briefen, besonders den Paulusbriefe, einen direkten Zugang zu theologischem Denken (so der Römerbrief), aber auch zu privaten Dingen (wenn Paulus davon spricht, dass ihm "ein Pfahl ins Fleisch" gegeben ist; 2. Korinther 12,7) oder zu innergemeindlichen Verhältnissen (besonders aufschlussreich: die Korintherbriefe).

Brennpunkte paulinischer Theologie sind in unvollständiger Aufzählung: das Gesetz und die Rechtfertigung aus dem Glauben (Römer 1,16.17; 3,21-23), Taufe (Römer 6) als Schlüssel zum theologischen Denken des Apostels, Abendmahl (1. Korinther 11,23-26), das älteste Zeugnis der Auferstehung Christi (1. Korinther 15,3-8); der Philipperhymnus (Philipper 2,6-11) und der Kolosserhymnus (Kolosser 1,15-20) als Zeugnisse der Gottessohnschaft Jesu Christi, dem die hoch theologischen Formulierungen in Römer 1,3 und Galater 4,4.5 nahe stehen; die Auferstehung der Toten (1. Thessalonicher 4,14-17). Wertvolle Hinweise für eine Biographie des Apostels erhalten wir im Galaterbrief (Galater 1. 2), viele Lieder und Spruchweisheiten des Paulus überliefern uns seine Briefe, so das Hohelied der Liebe (vgl. 1. Korinther 13), das "Geheimnis des Glaubens" (vgl. 1. Timotheus 3,16) und das jubelnde, Prophetien des Alten Testaments aufnehmende sprachliche Kunststück "Der Tod ist verschlungen vom Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?" (1. Korinther 15,54.55).

11 April 2003