Zum Jahr der Bibel: Die Evangelien

Zürich. Die Geschichte der Bibel ist äußerst interessant. In mehreren Artikeln wollen wir im Bibeljahr 2003 Geschichten zur Geschichte veröffentlichen. Heute setzen wir die Reihe mit einem Artikel über die Evangelien fort.

Evangelium und Evangelien
<R.K./L.S.> Das Wort Evangelium stammt - wie viele Begriffe der Sprache des Glaubens - aus dem Griechischen. Gemeinhin wird es mit "gute Nachricht" oder "frohe Botschaft" übersetzt.

Ursprünglich hatte der Begriff "Evangelium", griechisch euangelion, vor allem einen politischen Inhalt. Er bezog sich auf die Geburt und die Taten eines göttlichen Herrschers, nämlich des Kaisers. Der Kaiser, so stellte man sich in der römischen Antike vor, bringe Heil und Frieden für seine Untertanen. Aus diesem Grunde gebühre ihm Verehrung, ja, Anbetung.

Die neutestamentliche Vorstellung vom Evangelium knüpft jedoch nicht am antiken Kaiserkult, sondern an alttestamentlichen Vorgaben an. Im Frühjudentum, also zur Zeit Christi, werden unter Evangelium Engelsbotschaften und andere Offenbarungen Gottes verstanden.

Im Neuen Testament schließlich meint Evangelium zunächst und vor allem die Botschaft vom Handeln Gottes an Jesus Christus durch Kreuz und Auferweckung. Ein bedeutendes Zeugnis für das, was unter Evangelium verstanden werden muss, findet sich im 1. Korintherbrief. In ihm schreibt der Apostel Paulus folgendes Bekenntnis: "Dass Christus gestorben ist für unsere Sünden nach der Schrift; und dass er begraben worden ist; und dass er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift; und dass er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen" (1. Korinther 15,3-5). Schließlich fasst das Apostolikum, das altkirchliche Glaubensbekenntnis, das auch ein Bestandteil unseres neuapostolischen Glaubensbekenntnisses ist, den wesentlichen Inhalt des Evangeliums wie folgt zusammen: "Ich glaube an Jesum Christum, Gottes eingeborenen Sohn, unseren Herr, der empfangen ist von dem Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben, begraben, eingegangen in das Reich der Entschlafenen, auferstanden von den Toten, aufgefahren gen Himmel, sitzend zur rechten Hand Gottes des allmächtigen Vaters, von dannen er wiederkommen wird" (Fragen und Antworten Nr. 231, 2. Glaubensartikel).

Vom Evangelium zu den Evangelien
Zunächst wurde unter Evangelium das Heilshandeln Gottes verstanden, das in wenigen Sätzen zusammengefasst werden konnte. Eine neue Stufe der Entwicklung wurde erreicht, als man die gesamte Geschichte Jesu Christi als Inhalt des Evangeliums zu verstehen begann. Nun wurde das gesamte Leben Jesu als Gnadenhandeln Gottes erkannt, zugleich wurde damit betont, dass Jesus als wirklicher Mensch auf Erden wandelte. Alle Taten und Begebenheiten in Jesu Lebens werden als Abfolge göttlicher Heilserweise deutlich, zugleich stellt man ihren Zusammenhang mit den alttestamentlichen Voraussagen heraus.

Allerdings gebraucht keiner der Evangelisten den Begriff "Evangelium", um sein Buch zu bezeichnen. Die Überschrift Evangelium nach Matthäus, nach Markus, nach Lukas und nach Johannes für die Bücher vom Leben und der Predigt Jesu Christi ist, wie übrigens alle neutestamentlichen Buchüberschriften, erst bei christlichen Schriftstellern nach dem Jahr 150 nach Christus belegbar.

Markus als erster Verfasser eines Evangeliums
Markus ist vermutlich der erste, der umfänglich über das Leben und Wirken Jesu Christi berichtete. Der Evangelist macht deutlich, dass man die Bedeutung von Tod, Auferstehung und Wiederkunft Christi nicht erfassen kann, wenn man Leben und Predigt des Herrn unberücksichtigt lässt. Markus lässt den Zusammenhang zwischen dem Leben des Gottessohnes und dem, was die Apostel vom auferstandenen und wiederkommenden Herrn predigen, offenbar werden. Der Eingangssatz des Markusevangelium gibt im Grunde den gesamten Inhalt des Buches wieder: "Dies ist der Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes" (Markus 1,1). Der Evangelist nennt nicht sein Buch "Evangelium", sondern die Geschichte, die er erzählt, ist das Evangelium.

Im Zentrum des Markusevangeliums stehen die Berichte von Tod und Auferstehung des Gottessohnes. Die Leidensgeschichte Jesu nimmt ein gutes Fünftel des gesamten Buches ein. Man hat dieses Evangelium darum auch eine "Passionsgeschichte mit ausführlicher Einleitung genannt". Auffällig ist, dass der Bericht, den Markus gibt, mit Hinweisen auf das Wirken Johannes des Täufers und der Taufe Jesu beginnt. Nachrichten aus Jesu Kindheit suchen wir in diesem Evangelium vergeblich.

Entstanden ist das Markusevangelium vermutlich um 69 nach Christus. Die altkirchliche Tradition überliefert, dass es in der Stadt Rom geschrieben worden sei.

Das Matthäusevangelium
Das Matthäusevangelium ist das erste Buch des Neuen Testaments, weil es lange Zeit als ältestes Evangelium galt. Heute ist die neutestamentliche Forschung der Ansicht, dass es jünger als das Markusevangelium sei. Viele Elemente des Markusevangeliums finden wir bei Matthäus wieder. Man kann davon ausgehen, dass dem Evangelisten der Text des Markusevangeliums und weitere Quellen zur Geschichte Jesus vorlagen.

Matthäus liegt es vor allem daran, Jesus als den Messias Israels deutlich werden zu lassen. Auch deshalb wird Jesu Stammbaum wiedergegeben und seine Kindheitsgeschichte erzählt. Immer wieder nimmt der Evangelist Bezug auf das Alte Testament und zeigt auf, dass Jesus als Messias Israels schon von den Propheten angekündigt wurde. Man vermutet, dass das Matthäusevangelium nach der Zerstörung des Tempels von Jerusalem, also nach 70 n. Christus, in der syrischen Stadt Antiochia, in der eine der ersten Christengemeinden entstand, verfasst worden ist.

Das Lukasevangelium
Das Lukasevangelium beginnt mit einem Vorwort: "Viele haben es schon unternommen, Bericht zu geben von den Geschichten, die unter uns geschehen sind, wie uns das überliefert haben, die es von Anfang an selbst gesehen haben und Diener des Worts gewesen sind. So habe auch ich's für gut gehalten, nachdem ich alles von Anfang an sorgfältig erkundet habe, es für dich, hochgeehrter Theophilus, in guter Ordnung aufzuschreiben, damit du den sicheren Grund der Lehre erfahrest, in der du unterrichtet bist" (Lukas 1,1-4). Der Evangelist Lukas geht hier vor, wie es bei antiken Geschichtsschreibern üblich ist, zunächst gibt er Rechenschaft darüber, welche Absicht er mit seinem Buch verfolgt. Er will "den sicheren Grund der Lehre", also des Evangeliums, nachweisen. Deswegen hat er die Überlieferungen vom Leben und der Predigt Jesu Christi zurückverfolgt und will sie nun wahrheitsgemäß wiedergeben. Lukas schreibt also in einer Zeit, in der es schon die Evangelien des Markus und Matthäus gibt, doch gibt es auch solche, in denen die Geschichte Jesu nicht wahrheitsgemäß wiedergegeben wird. Folgerichtig benutzt Lukas vor allem jene reine apostolische Überlieferung, auf die sich Markus und Matthäus ebenfalls berufen. Wegen der vielen wörtlichen Gemeinsamkeiten werden die ersten drei Evangelisten Synoptiker (Synopse = Zusammenschau) genannt.

Lukas betont in seinem Evangelium den engen Zusammenhang zwischen alt- und neutestamentlicher Heilsgeschichte, aus diesem Grunde bezieht er sich auch immer wieder auf die messianischen Prophezeiungen des Alten Testaments.

Das Lukasevangelium dürfte um das Jahr 80 geschrieben worden sein. Wo Lukas sein Buch schrieb, darauf gibt es keine eindeutige Antwort. Es könnte am ehesten in Griechenland oder Kleinasien, der heutigen Türkei, verfasst worden sein.

Das Johannesevangelium
Von den drei genannten Evangelien, den synoptischen, unterscheidet sich das vierte Evangelium in Sprache und Darstellungsweise. Im Johannesevangelium werden Predigten und Lebensstationen Jesu Christi überliefert, die in den anderen Evangelien keine oder nur eine mindere Rolle spielen. Man nennt das Johannesevangelium auch das Evangelium des "Geistes", weil es dasjenige ist, das am häufigsten vom Heiligen Geist spricht.

Schon der Beginn des Evangeliums zeigt eine Besonderheit. Wir finden nicht die Geschichte der wunderbaren Geburt Jesu, sondern ein Preislied, einen Hymnus, auf den präexistenten Gottessohn (vgl. hierzu "Jesus Christus - von Ewigkeit her" Lehre und Erkenntnis, Unsere Familie 21/2001, S.16-19). Johannes benutzt die Sprache der griechischen Philosophie, um das göttliche Wesen Jesu zum Ausdruck zu bringen. Bei Johannes finden sich Reden Jesu, die bei den anderen Evangelisten nicht vorhanden sind. Dagegen werden von ihm die Gleichnisse Jesu nicht mitgeteilt.

Auch beim Johannesevangelium lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, wann und wo es entstanden ist. Die Wissenschaft vermutet, dass es um 90 nach Christus in Ephesus, also in der heutigen Türkei, verfasst worden ist.

Warum vier Evangelien?
Die Geschichte des Heilshandelns Gottes in Jesus Christus wird im Neuen Testament viermal erzählt, jeweils aus einem anderen Blickwinkel. Den Evangelisten geht es nicht darum, die Biographie eines bedeutenden Menschen wiederzugeben, sondern die Botschaft von Tod, Auferstehung und Wiederkunft Christi in die Welt hinauszutragen. Evangelien sind Schriften, die den Glauben fördern wollen. An der Mitteilung bloßer biographischer Begebenheiten haben sie kein Interesse. Jeder Evangelist bringt die Geschichte Jesu Christi in seiner ihm eigenen Art und Weise zur Sprache. Jeder hat seinen eigenen Adressatenkreis, für den er schreibt und dem er gute Nachricht bringen will.

Es gibt neben diesen vier Evangelien noch weitere Beschreibungen des Lebens Jesu (z.B. das "Thomas-Evangelium"). Die vier biblischen Evangelien haben aber die Taten und Reden Christi, das Heilshandeln Gottes an den Menschen in seinem Sohn am authentischsten überliefert.

28 March 2003